| 94 Prozent der Liquidatoren sind krank |
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| Geschrieben von Ute Weinmann | |||||
| Mittwoch, 23. Mai 2007 | |||||
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Tschernobyl hat vor 20 Jahren das Ende der Sowjetunion eingeleitet. Das Atomunglück geschah zu Beginn von Glasnost und Perestroika, doch der frisch propagierten Offenheit begegnete das Zentralkomitee der KPdSU damals mit einem eisernen Schweigegebot. Bis heute ist die genaue Anzahl der sogenannten Liquidatoren, der Aufräumhelfer und wenigen weiblichen Helferinnen, unbekannt. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Interessenverbände der Liquidatoren wurden etwa 800.000 Menschen zur Beseitigung der Katastrophe in das an der ukrainisch-belarussischen Grenze gelegene Kernkraftwerk abkommandiert. Die wenigsten der Soldaten und zivilen Helfer kamen freiwillig oder waren geschweige denn darüber informiert, welcher Gefahr sie sich aussetzten. Inzwischen sind über 50.000 von ihnen an Krebs und vielfältigen anderen Krankheiten gestorben. Die Selbstmordrate liegt unter den Liquidatoren weit über dem Durchschnitt. Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind 94 Prozent der Liquidatoren krank, in Russland verfügt mindestens die Hälfte über einen Behindertenstatus. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEO und die WHO will jedoch keinen Zusammenhang zwischen der hohen Strahlenbelastung während der Aufräumarbeiten und der auffällig hohen Todesrate erkennen. In ihrem Bericht zu den Folgen des Reaktorunglücks in Tschernobyl vom September 2005 ist lediglich von 59 Todesopfern die Rede. Langfristig sei mit weiteren 4.000 Opfern zu rechnen, die nach dem Unglück an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Die Atomlobby schmückt sich mit die wahren Ausmaße der Katastrophe verharmlosenden offiziellen Zahlen, um der Kernenergie das weit verbreitete lästige negative Image zu nehmen. Der Rubel soll weiter rollen, während die am meisten betroffenen Staaten Belarus, die Ukraine und Russland nach wie vor mit den ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen des Unglücks zu kämpfen haben. Tschernobyl war auch der auslösende Faktor, der Umweltschutz und die Kritik an der Kernenergie zu einem der Hauptthemen der Massenproteste werden ließ, die das Ende der Sowjetunion begleiteten. Damals gelang es mit öffentlichem Druck sogar die Fertigstellung neuer Reaktoren zu verhindern, wie beispielsweise in Wolgodonsk bei Rostow am Don. Die Bauarbeiten wurden 1990 zwar per Beschluss des Ministerrats eingestellt, wie sich später herausstellte handelte es sich dabei jedoch in erster Linie um eine Maßnahme zur Beruhigung der Gemüter. Das Projekt lag niemals komplett brach und erhielt trotz andauernder Proteste der lokalen Bevölkerung acht Jahre später die offizielle Genehmigung zur Baufortsetzung unter Umgehung gesetzlicher Grundlagen, wie der Vorschrift, wonach Atomkraftwerke nicht näher als 25 km an eine größere Stadt heranreichen dürfen. Ein anfälliger Atommeiler vom Tschernobyl-Typ befindet sich in Sosnowyj Bor, 80 Kilometer westlich von der Millionenstadt St. Petersburg. Regelmäßig werden von dort Störfälle gemeldet. In den 90er Jahren stieg Siemens in das florierende Atomgeschäft in Russland und der Ukraine ein. Wenngleich das Protestpotenzial in der Bevölkerung jahrelang rückläufig war hat sich an der negativen Grundeinstellung zur Kernenergie seit Tschernobyl wenig geändert. Nach den jüngsten Umfragen der russischen Stiftung "Öffentliche Meinung" äußern 83 Prozent die Ansicht, der Super-GAU wirke sich bis heute negativ auf die Umwelt und Gesundheit der Bevölkerung in den verstrahlten Gebieten aus, 72 Prozent lehnt Neubauten in der Nähe des eigenen Wohnortes kategorisch ab. Der russische Staatshaushalt wurde und wird hauptsächlich durch Kompensationszahlungen für die Liquidatoren belastet, mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 hat sich Moskau von der Verantwortung für die Sicherung des hochverstrahlten Reaktors verabschiedet. Aber die gezahlten Sozialleistungen reichen längst nicht aus und darüber hinaus sind Liquidatoren genauso von den antisozialen Reformen des Kremls betroffen, weshalb sie als eine der aktivsten und entschlossensten Gruppen während der Massenproteste gegen die Streichung von sozialen Vergünstigungen im vergangenen Jahr galten. Sie fühlen sich komplett betrogen, um ihre Anerkennung als Katastrophenhelfer, ihre Gesundheit, ihr Leben. 20 Jahre nach Tschernobyl dominiert der Wunsch nach Normalisierung. Belarus hatte durch Umsiedlungsprogramme und den Verlust von 22 Prozent seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche die größten Verluste hinzunehmen. Der Staat reduzierte die durch den Etat gedeckten direkten Folgekosten von 22 Prozent auf sechs, Präsident Aleksandr Lukaschenko hatte im vergangenen Jahr weitere Kürzungen und die landwirtschaftliche Wiedernutzung zahlreicher verstrahlter Gebiete angekündigt. Die Weltbank honorierte diese Absichten mit einem verlockenden Kredit über 45 Millionen Dollar. Kernpunkt des Vorhabens ist die gesetzliche Umstufung der verstrahlten Gebiete. Nach den bislang gültigen Gesetzen besteht ein Entschädigungsanspruch allein auf Grund des Wohnsitzes auf radioaktivem Terrain, in Zukunft soll hingegen nur eine Erkrankung infolge erhöhter Strahlung als Nachweis akzeptiert werden. Im Klartext bedeutet dies, dass das staatliche Tschernobylkomitee ganz im Sinne der IAEO einzig und allein Schilddrüsenkrebs als von Radionukliden verursachten Krankheit anerkennt. Noch ist unklar ob und wann die Umsetzung der geplanten Gesetzesänderungen erfolgt. Die erhöhte Protestbereitschaft der Bevölkerung nach den fragwürdigen Präsidentschaftswahlen im März dürfte Lukaschenko zur Vorsicht treiben. In den vergangenen Jahren veranlasste der 26. April, der Jahrestag der Reaktorkatastrophe, verhältnismäßig wenige Menschen zur Teilnahme an Protestveranstaltungen, doch in diesem Jahr könnte sich auf Grund der besonderen Umstände diese Tendenz wieder umkehren. Aber der Abgesang auf Tschernobyl wird ebenso auf der nationalen und internationalen Tagesordnung bleiben wie Lukaschenkos ambitioniertes Projekt den ersten Atomreaktor in Belarus zu errichten. Der Großteil der organisierten AtomkraftgegnerInnen wird im April auf einer Konferenz in Kiew über Alternativen und Widerstandsformen gegen die weitere Nutzung von Atomenergie beraten. Ukrainische Reiseagenturen bieten indes seit einigen Jahren einen ganz besonderen Service an. Von Kiew aus können Touren direkt zum berüchtigten Atommeiler gebucht werden. Mit dem PKW dauert die Reise bis zum ersten Schlagbaum an der 30-Kilometer Sperrzone gerade mal zwei Stunden. Trotz der bewaffneten Milizionäre am Kontrollpunkt funktioniert der Durchlass im Regelfall ohne Passkontrollen, die Bewachung dient vielmehr dazu, dass keine nach der Katastrophe zurückgelassenen Gebrauchsgegenstände, in erster Linie Metall, aus der verstrahlen Zone nach draußen geschafft werden. Zum Programm gehört der Besuch des eigens für TouristInnen eingerichteten Pressezentrums mit Aussichtsplattform in Sichtweite des maroden Sarkophags um den vierten Block. In der sogenannten Zone gilt es lediglich eine Regel zu befolgen: nicht den Rasen betreten und immer schön auf den gesäuberten und neuasphaltierten Straßen gehen. Von dem makabren Ausflugsangebot machen pro Jahr etwa 300 Gruppen Gebrauch. Quelle:
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