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Christopher Street Day in Russland: Wie war es 2006 und was erwartet uns in diesem Jahr PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jakob Stürmann   
Mittwoch, 23. Mai 2007

Die Kriminalisierung homosexueller Verhältnisse 1997 wurde durch eine Verordnung des Präsidenten Boris Jelzin abgeschafft. Im dem entfernte das das Gesundheitsministerium Homosexualität von der Liste der Geistesstörungen – schon lange ein Standard der Weltgesundheitsorganisation. 2006 stellte eine Gruppe LGBT-AktivistInnen die Idee vor, den ersten CSD in Russland durchzuführen, der schlussendlich am 25. Mai 2006 stattfand. War die russische Gesellschaft bereit für einen CSD ? Obwohl Homosexualität in Russland offiziell nicht unter Strafe steht, ist Homophobie weiterhin ein großes Problem. Die erste „Welle“ der Homophobie erfolgte sofort nach der Perestroika, als gleichgeschlechtliche Partnerschaften über westliche Informationsquellen  der russischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die zweite ereignet sich seit dem Jahr 2006 – in einer Zeit, in der sich Schwule und Lesben zum ersten Mal zusammenfinden, um Gleichberechtigung und Versammlungsfreiheit für sich  zu erkämpfen.


Festzuhalten ist, dass es vor dem Jahre 2006 eigentlich so gut wie gar keine Diskriminierungen von Homosexuellen gab, die öffentlich bekannt wurden. Aber natürlich gab es auch damals Entlassungen, Angriffe und Beleidigungen jeglicher Art. Bei einigen Gelegenheiten wurde versucht, die Kriminalisierung der Homosexualität erneut voranzutreiben, aber die Gesellschaft interessierte sich nicht weiter für das Thema.  2006 führte die Gründung der LGBT zu vielen neuen Prozessen (konkretisieren, Gerichtsprozesse?). Zuerst wurde sie ein Ziel von Rechtsradikalen, die sich bisher auf gelegentliche Angriffe auf der Straße beschränkten. 2007 ist die anti-homosexuellen Rhetorik solcher Gruppen allerdings zu einem sehr populären Thema geworden um mögliche Sympathisanten in ihre Kreise einzubinden. Zum Beispiel hat sich die „russische Nationale Vereinigung“ (.Русский Общенациональный Союз)  einen Namen mit „Homosexuellen-Klubs Pogromen“ gemacht.

 
Neben den radikalen Rechten fangen nun auch einige Politiker an, sich zu homophoben Aussagen und Meinungen öffentlich zu bekennen, was von allen – sogar von der gesamten russischen Linken – ohne Aufsehen hingenommen wird. Ein Skandal war zum Beispiel die Rede vom Moskauer Bürgermeister, Herr Luzhkov, der den CSD der LGBT als „Höllenspektakel“ (содомитами) und „Verdrehung“ (извращенцами) bezeichnete.

 
Festzuhalten ist, dass das Ausmaß und die „Qualität“ der Homophobie in der Gesellschaft deutlich zugenommen hat, was eine Herausforderung für die LGBT darstellt. Bisher traten Homosexuelle in der Gesellschaft nur als Gruppe auf, die sich absonderte. Bis heute wird Homosexualität in Russland als etwas angesehen, wofür mensch sich schämen soll. Außerdem gibt es immer noch – auch von offizieller Seite – Diskriminierungen Homosexueller: Zum Beispiel dürfen Schwule nicht in der Armee dienen. Dank der Initiative einer sehr kleinen Gruppe hat die Mehrheit der LGBT nun eine Wahl ob sie ein „Coming-Out“ haben möchten oder eben nicht. Die „Coming-Outs“ waren auch oft Trotzreaktionen aufgrund radikaler homophober Angriffe. So gut wie alle aus der „Szene“ sind für eine Durchführung des CSD in Russland: Das einzige Gegenargument war, dass Russland noch nicht bereit für eine solche Parade sei.  Auch MenschenrechtlerInnen und AntifaschistInnen erklärten sich bereit den CSD zu unterstützen. Auch wenn beide Gruppen in Russland quantitativ sehr klein sind, so halfen sie damit doch der LGBT-Szene.

 
Aufgrund der rechtlichen Situation konnten die PolitikerInnen in Moskau den CSD nicht verbieten. Aber die Beamten nutzten eine andere Möglichkeit: Die Organisatoren, so die Behörde, hätten mehrere Drohungen erhalten und somit seien sie nicht im Stande die Sicherheit der Parade zu garantieren. Da hiermit schon im Vorfeld gerechnet wurde, organisierte sich die LGBT-Szene Rechtshilfe von einer Jugend-Menschenrechtsorganisation, die am selben Tag an verschiedenen Orten in Moskau Kundgebungen anmeldete. Keine der Kundgebungen wurde zugelassen, deshalb wurde die Parade an dem Ort, an dem sie ursprünglich stattfinden sollte – vor der Moskauer Präfektur – durchgeführt. Die Parade ausfallen zu lassen, war keine Alternative.

 
Der CSD selbst war ein Aufeinanderprallen von LGBT und Antifaschisten, sowie auf der anderen Seite Neonazis und Hunderten Mitgliedern der orthodoxen Kirche. Mehrere Dutzend CSD TeilnehmerInnen wurden von rechten Jugendgruppen angegriffen und verletzt. Ein großer internationaler Skandal war der Angriff auf den Abgeordneten des Bundestages, Volker Beck, der später von der russischen Polizei verhaftet wurde. An dem „Höllenspektakel“ nahmen neben Moskauer Neonazis auch mehrere Gruppen anderer russischer Städte teil. Sogar der Hauptorganisator, Nikolai Alexeev, wurde verhaftet, als er auf dem Grab des unbekannten Soldaten Blumen niederlegen wollte. Festzuhalten ist, dass dies ungeplante Ereignisse waren: Alexeev kannte nur die Leute, die an der Konferenz gegen Homophobie vor der Parade teilnahmen. Das Resultat aus dem Verbot des CSD war, dass die Leute, die auf den Platz kamen, nicht organisiert waren und es keine Möglichkeit gab, dies zu ändern.  Das lag daran, dass viele TeilnehmerInnen, besonders Ausländer, das erste Mal an einer öffentlichen Demonstration in Russland teilnahmen. Sie wurden von Neonazis oder von der hiesigen Polizei attackiert. “Youth human rights movement“ nahm an der Konferenz vor der Parade teil und versuchte die OrganisatorInnen davon zu überzeugen, wegen der unsicheren Sicherheitslage mit der Polizei zu kommunizieren. Dieser Versuch schlug fehl. Zu sagen ist, dass Herr Alexseev und der Rest der OrganisatorInnen auch keine Erfahrung mit Straßenaktivitäten hatten. Sie beschlossen trotzdem eigensinnig zu handeln. Das Resultat war auf der Straße zu sehen.

 
Am 28. Mai 2007 soll nun der zweite CSD in Moskau stattfinden. Wie viele VertreterInnen der LGBT-Szene auf die Straßen Moskaus kommen werden, ist schwer zu sagen. Wie die Reaktion der „gewöhnlichen“ Leute sein wird dafür umso einfacher. Auf dieses Datum fällt ein orthodoxer Feiertag und das gibt der radikalen orthodoxen Kirche erneut die Möglichkeit genügend GegnerInnen an diesem Tag in Moskau zu versammeln.

 
Leider hat das Organisationsteam des CSD in diesem Jahr den AntifaschistInnen und MenschenrechtlerInnen (alle außer LGBT) den Zugang zum Organisationsteam verwehrt, welche aber einfach praktisch mehr Erfahrungen mit diesen Straßenaktionen haben. Wir begreifen nicht, warum Herr Alexeev nicht an den Menschen und deren Sicherheit auf der Straße interessiert ist...


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