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Der dritte Exodus der Ahiska Türkleri PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Dennis Maschmann   
Sonntag, 5. August 2007

Vom Auseinanderbrechen der Sowjetunion bis zum Jahr 2004 lebten im südrussischen Krasnodarer Gebiet als Flüchtlinge ca. 20.000 Ahıska, Mitglieder einer ursprünglich südgeorgischen, turksprachigen Volksgruppe. Vor drei Jahre begann dann ein Umsiedlungsprogramm aus Russland in die USA. Der Einladung des „Novorossiisker Komitees für Menschenrechte“ zu einem Runden Tisch zu Anlass des Jahrestags folgten über 50 Ahıska sowie einige Vertreter der Krasnodarer Zivilgesellschaft. Sie zogen eine erste Bilanz des Umsiedlungsprogramms und blickten in die Zukunft: Was erwartet jene Ahıska, die es bisher nicht über den Atlantik geschafft haben?


Krasnodar. Für den französischen Philosophen Jacques Rancière ist die Demokratie ein Skandal, der jede Gesellschaft erschüttert: Die Reichen, Mächtigen und Weisen bemühen sich, ihre Privilegien zu sichern und alles und jeden in die Schubladen der bestehenden Ordnung einzusortieren. Demokratie, die Herrschaft des Volkes, beginnt dagegen genau dann, wenn die Ausgeschlossenen – die in keine der Schubladen passen, der Pöbel, die plebs – im Namen des Volkes – demos, populus – zu sprechen beginnen: einen Platz in eben der Gesellschaft einfordern, die sie ausschließt. Demokraten sind das Ungeziefer, Holzwürmer in den tragenden Balken der etablierten Ordnung.

Die Ahıska Türkleri im südrussischen Krasnodarer Gebiet, in den Medien als meskhetische Türken bekannt, sind solche Ausgeschlossenen, die sich weigern, fügsam zu schweigen. Am 13. Juni versammelten sich gute 50 von ihnen zu einem Runden Tisch in Krasnodar zum Thema „Flüchtlinge und/oder Umsiedler: drei Jahre nach der Ausreise der ersten Gruppe Türken-Meskheten in die USA“.

Nach mehrjährigen Vorarbeiten und Gesprächen zwischen Vertretern der Ahıska Türkleri, des Novorossiisker Komittees für Menschenrechte, Staatsvertretern aus Russland und den USA und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hatte im Januar 2004 ein Sonderprogramm für die Übersiedelung von Ahıska aus dem Krasnodarer Gebiet in die Vereinigten Staaten begonnen. Für die Älteren unter den bis heute 11.215 Umsiedlern war ihre Reise über den Atlantik bereits der dritte Exodus in ein unbekanntes Land. Am 1. Oktober dieses Jahres endet das Programm. Nicht alle Ahıska haben es in die USA geschafft: Sie leben vorerst weiter in einer Situation der Ungewissheit und Rechtlosigkeit.

Die Geschichte der 300.000 Ahıska im 20. Jahrhundert wurde durch Flucht und Vertreibung geprägt. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten sie als turksprachige Muslime im Süden Georgiens, im Gebiet „Meskhetien“ an der Grenze zur Türkei. Im November 1944 ließ Joseph Stalin auf einen Schlag 90.000 von ihnen ins zentralasiatische Fergana-Tal, zum großen Teil nach Usbekistan, deportieren. Wegen der sprachlichen, religiösen und geographischen Nähe zu den Türken galten sie in der Sowjetunion pauschal als „unzuverlässiges Volk“. Bis zur zweiten Phase der Perestroika in den späten 1980er Jahren hatten sie praktisch keine Möglichkeit in die Heimat zurückzukehren. In den Jahren 1989 und 1990 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen mit nationalistischem Hintergrund, bei denen über 100 Ahıska starben, über 1.000 verletzt wurden. Die zweite Emigration setzte ein: An die 20.000 Ahıska flohen, teils mit Unterstützung der Roten Armee, teils auf eigene Initiative, aus Zentralasien. Die Sowjetadministration fürchtete bei einer möglichen Rückkehr nach Georgien weitere Auseinandersetzungen zwischen den Ahıska und der örtlichen Bevölkerung und schickte sie stattdessen ins Landesinnere der Russischen Föderation. Sehr viele Ahıska hielten sich nicht an die zugewiesenen Wohnorte und zogen so dicht wie möglich an ihre alte Heimat im für sie gesperrten Georgien: ins südrussische Krasnodarer Gebiet.

Hier, so berichtete beim Runden Tisch Vadim Karastelev vom Novorossiisker Komitee für Menschenrechte, lebten sie als Ausgeschlossene und wurden von den Behörden und der Polizei offen diskriminiert. Obwohl offiziell die Möglichkeit bestand, einen russländischen Pass zu erhalten, wurde er Karastelev zu Folge vielen verweigert. Während der Diksussion am Runden Tisch berichtet die 31-Jährige Kamila Lamidze von ihren persönlichen Schwierigkeiten: „Fünfzehn Jahre lang geben sie mir und meinen Landsleuten keine Staatsbürgerschaft, keine medizinische Hilfe. Wir können nicht mal aufs College, obwohl wir sehr wollten. Nach der Schule können wir einfach nicht weiter.“ In Russland besteht eine Pflicht zur Registrierung jedes Menschen an seinem Aufenthaltsort. Ohne Staatsbürgerschaft erhalten die Ahıska keine Registrierung. Ohne Registrierung können die Kinder nicht wie russische Kinder umsonst in die Schule gehen. Ohne Registrierung gibt es keine legale, einigermaßen gut bezahlte Arbeit. Und ohne Arbeit ist kein Geld vorhanden, um  Schulgeld zu bezahlen. Ohne Registrierung verteilt die Miliz bei den häufigen Ausweiskontrollen aller „nicht-slawisch“ Aussehenden Bußgelder, usw.

Bis 2004 gelang es Vadim Karastelev und seinen KollegInnen beim Novorossiisker Komitee für Menschenrechte mit Vertretern der USA und mit Unterstützung der IOM ein Programm einzurichten, mit dem die große Mehrheit der Ahıska aus dem Krasnodarer Gebiet in die USA übersiedeln und ein neues Leben beginnen konnte. Der 18-Jährige Mustafa Konnijew etwa konnte vor zwei Jahren mit seinen Eltern und seinem Bruder in den US-Bundesstaat Arizona ziehen. Zu Besuch bei Verwandten im Krasnodarer Gebiet, berichtete er den Teilnehmern am Runden Tisch von seinen Erfahrungen: „In Amerika half uns drei Monate ein spezieller Manager mit all den Dokumenten, mit der Schule und dabei, Arbeit zu finden. Ich kam in eine Immigrantenklasse mit extra Sprachunterricht. Mittlerweile bin ich in der 12. Klasse der Cortés High School in Phoenix. Wenn ich einen guten Abschluss schaffe, möchte ich aufs College gehen und Banker oder Anwalt werden.“ Was ihm besonders gefällt: „In Amerika sind alle gleich – ganz egal ob Präsident oder sonst etwas. In Russland war ich der einzige Schwarze in der Schule und wurde von der Russisch-Lehrerin erniedrigt. Sie hat solche Wörter benutzt, überhaupt…“

Um die 2.000 Ahıska haben es bis heute nicht in die USA geschafft. Sie leben weiter im Krasnodarer Gebiet. Einige wollten bleiben, andere wurden von der IOM und den US-Behörden abgelehnt. Zu ihnen gehört auch Kamila Lamidze, die beim Runden Tisch die Gelegenheit nutzte und sich direkt an den für Immigrationsfragen zuständigen Verwaltungsvertreter Wladimir Nikolajewitsch  Koschel wandte: „Wir haben alle Dokumente an die Behörden in der richtigen Frist abgegeben, alles. Man hat uns gesagt: Nur wenn sie ein Haus kaufen, erhalten sie die Staatsbürgerschaft. Wenn das Haus auf ihren Namen eingetragen ist. Wir wohnen aber in einer Wohnung, und wir kriegen keine Registrierung; Wie sollen wir leben, sagen Sie es uns.“ Koschel notiert sich den Namen der Frau. Mittlerweile geht es Frau Lamidze nicht mehr bloß um die Registrierung. Ihre Eltern, ihre beiden Brüder und ihre Schwester leben in den USA, sie ist mit ihrem sechsjährigen Sohn zurückgeblieben. Die Familie ist ihr sehr wichtig, sie möchte ihnen in die USA folgen. Doch sie erhielt mehrere Absagen aus dem Programm. Frau Lamidze ist ratlos: „Wir wissen nicht, an wen wir uns noch wenden sollen.“

Eine Besprechung nach dem Runden Tisch, zwischen Vadim Karastelev und den Ahıska. Erst hier, im privaten Kreis, können sie ohne Furcht vor den Behörden ihr weiteres Vorgehen besprechen: Welche Dokumente sie noch sammeln können, um zu beweisen, dass sie bereits 2004 im Krasnodarer Gebiet gelebt haben und damit für eine Übersiedlung in Frage kommen. Wie die kleine Chance genutzt werden kann, noch nach Ende des offiziellen Programms am 1. Oktober dieses Jahres über Einzelfallregelungen aus dem Land zu flüchten und mit den Verwandten in den USA zusammenzukommen.

Die 42-Jährige Mamedowa Nadzira, deren volljähriger Sohn in den USA lebt, wartet weiter auf eine Entscheidung: „Wir sind sehr geduldig. Wir haben alles ausgehalten, wir haben uns gegenseitig unterstützt. Aber jetzt, nachdem fast alle gegangen sind, sind wir in einer sehr schlechten moralischen Verfassung. Der Sinn des Lebens hat sich verloren. Da sind keine Ziele mehr – warum soll man noch nach etwas streben?“ Der Strohhalm, an den sich Frau Nadzira und ihre Freundin Kamila Lamidze klammern, heißt „Hoffnung“. Frau Nadzira sagt: „Unsere Hoffnung ruht auf dem Komitee für Menschenrechte, das uns weiterhilft.“ Eine Hoffnung, die nicht zuletzt auf einen Ort in der Welt gerichtet ist, an dem den Ahıska aus dem Krasnodarer Gebiet das grundlegendste der Menschenrechte zuerkannt wird: das Recht darauf, Rechte zu haben.


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