| Das Auge des Sturms findet keine ruhige Minute |
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| Geschrieben von Dennis Maschmann | ||||
| Dienstag, 14. August 2007 | ||||
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Wie junge Aktivisten in Russland die Illusion der Macht überwinden. Sie würgten uns und verhafteten zehn Menschen. Schließlich beschuldigten sie uns der Drogenpropaganda und des Widerstands gegen die Staatsgewalt.“ Julia, 25, Moskauer Aktivistin vom Netzwerk Youth Human Rights Movement (YHRM), lacht ungläubig angesichts der Vorgänge, die sie schildert. „Wir haben nur die Legalisierung von Hanf gefordert, das ist legal! Unsere Fälle wurden die ganze Nacht hindurch vor Gericht verhandelt. Den Mädels wurden Geldstrafen verordnet, den Jungs 10 bis 15 Tage Arrest.“ Seit einem halben Jahr konzentriert sich Julias Gruppe von YHRM-Aktivisten darauf, das Verfassungsrecht auf Versammlungsfreiheit in der Praxis durchzusetzen. Es ist – angesichts zahlreicher Gesetzesverstöße von staatlicher Seite – eine Sisyphus-Arbeit. Der russische Staat, das erzählen europäische Medien seit langem, ist eine Machtmaschine, die zunehmend die Freiheiten der Bevölkerung unterdrückt. Im Zentrum befindet sich der Kreml, im Führerhäuschen steht der Präsident. Diese Ansicht lässt sich gut belegen, mit Geschichten von Menschen wie Julia etwa. Doch sie hat mit der offiziellen Propaganda mehr gemein, als ihren Erzählern lieb sein kann: Denn wie die Kreml-Propaganda ist sie auf den Staat, die Souveränität fixiert. „Die Leute in Russland brauchen immer einen Papa“, meint dazu ein junger Mann, der sich einen „freien Radikalen“ nennt. Kann es sein, dass es diese Fixiertheit auf die Autorität ist, die machtlos macht im Angesicht der Macht? „Der Kreml“ schafft die Wirklichkeit, an deren Rändern die „Demokraten“ für die „Freiheit“ kämpfen. Die schwache Opposition trudelt im Sog eines Sturms, in dessen Auge Putin, der Kreml, Moskau imaginiert wird. Alles dreht sich um dieses Auge, das allein ruht und sieht. Und das russische Roulette droht all jenen, die auf diese Weise um das Zentrum revoltieren. Dmitri Makarovs Revolution will mehr sein als eine solche Karussellfahrt „da capo al fine“. „Es geht uns in unserer Arbeit darum, einen neuen sozialen Raum zu schaffen, in dem die Werte der Menschenrechte geachtet werden“, meint der YHRM-Jurist. Und es gibt tatsächlich Orte, an denen dieses Vorhaben besser gelingt als auf Moskaus Straßen. Die Soziologische Fakultät (SozFak) der Moskauer Staatlichen Universität (MGU) ist so ein Ort. Dort ist es Dmitri und dem YHRM mit einer Gruppe unzufriedener Studenten der Fakultät gelungen, dem rhetorischen Sturm der Macht etwas Eigenes entgegenzusetzen, als unberechenbarer Akteur den Gesellschaftsraum umzumodellieren. Alles begann vor ein paar Monaten mit einer Hand voll unzufriedener Soziologie-Studenten. Aus Dmitris Sicht gleichen die Zustände an der SozFak einem autoritären politischen System im Kleinen: „Da gab es ein strenges Regime unter dem Dekan, und eine passive Studentenmehrheit. Unzufriedene Dissidenten diskutierten die Lage in der Wohnheimküche. Von außen trugen wir vom YHRM dann die Idee des Widerstands in die Fakultät.“ Eine Handvoll kritischer Studenten gründete als Aktionsplattform die „od group“ (www.od-group.org). „od group“-Mitglied Alexandrina erklärt die Hierarchie der SozFak: „Der Dekan ernennt die Mitglieder des Wissenschaftlichen Rates, und der Rat wählt wiederum den Dekan. Das ist ein geschlossener Kreis.“ Die Dozenten hingen wegen offener Arbeitsverträge direkt vom Dekan ab. Ihre Mitstreiterin Elja fügt hinzu: „Wir haben einen Studentenrat, aber er ist völlig der Verwaltung unterworfen. Bei einer Versammlung sind solche Studentenvertreter scharf gegen uns aufgetreten und haben uns sogar als Extremisten bezeichnet.“ Kritische Stimmen, so Elja, seien als „Provokateure“ hingestellt worden, als „Bedrohung der staatlichen Ordnung“. Die streng hierarchische Organisation der Fakultät ist für die „od group“ nicht das einzige Problem, ihnen erscheint auch die Lehre mangelhaft: Aktuelle Theorien würden nicht unterrichtet, in Seminaren werde kaum diskutiert. Viele der Studenten kämen durch Bestechungen an die Fakultät und nicht wegen ihres Wissens und Interesses. Anfang des Jahres begann die „od group“ mit Protestaktionen. Als Testballon sammelten die StudentInnen Unterschriften gegen überhöhte Preise im Wohnheim-Café. Dekanat und Wohnheimverwaltung protestierten und forderten sie auf, die nicht genehmigte Aktion einzustellen. Die Studenten gingen einen Schritt weiter. Am 28. Februar verteilten sie mit Unterstützung von YHRM-Aktivisten Flugblätter mit ihren Forderungen vor der Fakultät. Die Aktion dauerte nur einige Minuten. Dann wurden die Studenten wegen „nicht genehmigter Nutzung von Massenmedien“ verhaftet. Der Vorfall wurde zum Politikum, weil der unabhängige Radiosender „Echo Moskau“ und mehrere Zeitungen vor Ort waren und berichteten. Der Dekan der SozFak Wladimir Dobrenkow verurteilte die Aktivitäten der Studenten als „Extremismus“. Die Studenten wehrten sich. Sie erreichten beim MGU-Rektor, beim Bildungsministerium und der staatlichen Gesellschaftskammer die Einsetzung von Kommissionen zur Untersuchung der Qualität der Lehre. Im Ergebnis vertröstete sie das Rektorat sie auf einen langsamen Wandel; die Kommission der Gesellschaftskammer beurteilte den Unterricht als mangelhaft; und Experten des Bildungsministeriums entdeckten, dass die Lehrbücher des SozFak-Dekans Dobrenkow zu großen Teilen abgeschrieben waren – Plagiat. Mittlerweile hat der Protest der „od group“ einiges in Bewegung gebracht: Die überteuerte Caféteria wird geschlossen und gegen eine Kantine ersetzt. Eine wachsende kritische Öffentlichkeit hat sich gebildet. Wissenschaftler, Journalisten und Bürger aus dem In- und Ausland haben sich mit der „od group“ solidarisch erklärt. Vor allem aber hat an der Fakultät ein Klimawandel eingesetzt: Kritisch denkende Studenten treten mit ungekanntem Selbstbewusstsein auf. Doch diese Erfolge bleiben Etappensiege, solange gegen das Dekanat weitere Schritte von der Leitung der MGU ausbleiben. Und ob Dekan Dobrenkow wegen Plagiats verklagt oder gar seines Amtes enthoben wird, ist noch offen. Bereits jetzt jedoch wirken die Aktionen der „od group“ weit über die MGU hinaus: Über das Internet und persönliche Kontakte verbreiten sich Geschichten über die kleine Revolution im ganzen Land. Der Dekan ist eine Witzfigur geworden. Die Erfolgsgeschichte ist eine symbolische Ressource, die jungen Menschen Mut machen und ihnen helfen kann, über die Mächtigen zu lachen und in Eigeninitiative, zum Beispiel an der eigenen Universität, aktiv zu werden. Und das in einem Land, wo alle auf den Kreml schauen, und der Kreml allein deshalb alle sehen kann. Artikel zitieren
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